Langstreckenlauf
 

Logensyndrom/Kompartmentsyndrom - eine mühsame Läuferverletzung

Inhalt dieser Seite:
   - Einleitung
   - Ursachenforschung
   - Diagnose
   - Operation
   - Häufigkeit und Ursache
   - Referenzen

 

Einleitung

Jahrelang hatte ich das Glück, von Verletzungen verschont zu bleiben. Doch 2002 - in meinem 18. Laufjahr - erwischte es mich. Was völlig unscheinbar und harmlos begonnen hatte, stellte sich schliesslich als ernsthafte Verletzung (Logensyndrom/Kompartmentsyndrom) heraus.

Die ersten leisen Anzeichen machten sich bereits 1998 bemerkbar: Auf dem letzten Kilometer eines Marathonlaufes verlor ich nach und nach das Gefühl im rechten Fuss, lief aber dennoch weiter bis ins Ziel. Die Muskulatur im rechten Bein fühlte sich zwar sehr hart an, aber da diese Symptome schnell wieder vergingen, und danach auch jahrelang nicht mehr auftauchten, machte ich mir keine grossen Gedanken.

Etwas mehr als zwei Jahre später - beim Greifenseelauf im Herbst 2000 - tauchte das selbe Problem ein zweites Mal auf; diesmal bereits etwa nach 18 von 21.1 Kilometern. Auch diesmal verschwanden die Symptome nach dem Zieleinlauf sofort wieder, und tauchten während eines weiteren Jahres nicht wieder auf.

Ab Herbst 2001 tauchten meine Probleme mit diesem für mich damals unerklärlichen Phänomen regelmässig auf. Beim Greifenseelauf (September), Murtenlauf (Oktober) und vor allem beim Halbmarathon Wil-Frauenfeld (November), hatte ich erneut mit den Symptomen zu kämpfen. Bei letzterem war ich gar gezwungen, unterwegs fünf(!) kurze Pausen einzulegen. Angedeutet hatte sich das Problem jedes Mal zuerst in den Zehen: Ich verlor nach und nach die Kraft im vorderen Bereich des Fusses, bis ich schliesslich die Kontrolle über den ganzen Fuss verlor, und sich der Fuss schliesslich komplett versteifte. Auch die Innenseite der Unterschenkelmuskulatur war völlig verkrampft. An ein Weiterlaufen war so natürlich nicht mehr zu denken.

In dieser Phase (Ende 2001) befielen mich diese Symptome vorerst nur bei Wettkämpfen von über einer Stunde Dauer. Im Februar 2002 wurde ich plötzlich auch im Training damit konfrontiert. Bei langen Trainingsläufen (2 Stunden und mehr) machte sich die selbe Verkrampfung erneut bemerkbar. Mit der Zeit tauchten die Probleme immer häufiger und nach immer kürzerer Laufdauer auf.

Ursachenforschung

Keiner meiner Laufkollegen kannte diese Symptome. Einige dachten an einen Magnesium-Mangel und legten mir nahe, mit der Einnahme von Magnesiumprodukten diesen ungewöhnlichen Krampferscheinungen entgegenzuwirken. All dies half nicht, und so intensivierte ich meine Bemühungen, herauszufinden, was Schuld an diesen Problemen sein könnte. Auf dem Internet stiess ich nach einigem Suchen auf den Begriff Logensyndrom (engl. Compartment Syndrome): Durch rasche, starke Muskelzunahme entsteht in den "Muskellogen" (d.h. innerhalb der Haut, welche die Muskelstränge umgibt) ein Platzmangel, so dass die Muskeln unter sportlicher Belastung zu wenig Platz haben, um sich nach aussen auszudehnen. Während eines normalen Trainings dehnen sich die Muskeln um etwa 20% aus, was unter normalen Umständen (das heisst, wenn genügend Platz vorhanden ist) keine Probleme verursacht. Steht den Muskeln jedoch nicht genügend Platz zur Verfügung, so dehnen sie sich zwangsläufig nach innen aus. Dadurch wird einerseits die Blutzirkulation gestört und andererseits werden die Nerven zusammengedrückt, was dann zum oben beschriebenen Gefühlsverlust im Fuss führt (v.a. Sensibilitätsstörungen der Zehen, Fussheberschwäche).

In meinem Fall war die Zehenmuskulatur von diesem Logensyndrom betroffen. Diese Muskeln, welche für die Zehenbewegungen zuständig sind, befinden sich an der Innenseite der Unterschenkelmuskulatur, auf Höhe der Waden. Dies erklärt auch, weshalb ich jeweils zuerst nach und nach die Kraft im Fuss verlor, bis sich schliesslich die Muskulatur auf der Innenseite der Unterschenkelmuskulatur stark verkrampfte.

Da die Symptome immer häufiger, stärker und damit störender geworden waren, suchte ich im März 2002 einen Sportarzt auf. Nachdem eine Blutuntersuchung keine Unregelmässigkeit - insbesondere keinen Magnesiummangel - hervorgebracht hatte, stellte der Arzt aufgrund einer Analyse meines Ganges die Diagnose "Hohlfüsse und O-Beine", und empfahl mir neben regelmässiger Physiotherapie, beim Laufen Sportschuheinlagen zu tragen.

Diese Einlagen waren jedoch das reinste Desaster. Mit der ersten Anfertigung verschlimmerten sich die Beschwerden, und ich konnte auch im Alltag kaum mehr normal gehen. Erst als ich beim zweiten Mal den Orthopäden davon überzeugen konnte, sich zuerst meinen Laufstil (auf dem Laufband) zu Gesicht zu führen, war er imstande, einigermassen passende Einlagen herzustellen. Auch diese Einlagen verminderten die Probleme jedoch nicht. Unter dem Strich brachten die Einlagen ausser einigen Kosten überhaupt nichts.

Immerhin bewirkte die Physiotherapie, zusammen mit einer sehr starken Reduktion meines Laufpensums, eine gewisse Besserung. Wenigstens war ich danach so weit, im Alltag keine Verspannungen mehr zu verspüren. Ebenfalls keinen Nutzen brachte hingegen der "mbt" (Masai Barfuss Technologie), ein Spezialschuh, welcher die Zehenmuskulatur zusätzlich trainieren soll (was in vielen anderen Fällen auch tatsächlich gut funktioniert). Leider bedeutet "trainieren" jedoch immer auch "belasten". In meinem Fall mit meiner ohnehin kraftlosen, überforderten Zehenmuskulatur war dieser Schuh ganz offensichtlich auch nicht das geeignete Mittel.

Diagnose

Im Juni suchte ich meinen Sportarzt ein zweites Mal auf. Dieses Mal war ich ausgerüstet mit einigen Internet-Artikeln zum Thema Logensyndrom. Ich erläuterte dem Arzt meine Selbstdiagnose und gab ihm die Artikel zum Studium mit. Wenige Tage später erhielt ich per E-Mail seine Antwort: "Ich habe die Artikel gelesen und bin mit Ihnen ganz einverstanden, dass diese Diagnose in Betracht gezogen werden muss." Abklären könne dies in der Schweiz jedoch nur ein einziger Arzt: Dr. Gösele, der Arzt der Schweizer Leichtathletik-Nationalmannschaft, sei mit den entsprechenden Messinstrumenten ausgerüstet. Ich vereinbarte also einen Termin mit diesem Spezialisten. Ende Juli 2002 erschien ich dann in Basel zur entsprechenden Untersuchung. Dr. Gösele staunte nicht schlecht, als er erfuhr, dass ich aufgrund einer Selbstdiagnose zu dieser Untersuchung komme. Ich sei der erste, der nicht von einem Arzt auf die Möglichkeit einer solchen Druckmessung im betroffenen Muskel aufmerksam gemacht werde, sondern sich via Internet darüber informiert habe.

Bei der Logendruck-Messung wurde mir unter lokaler Betäubung eine Sonde in die Zehenmuskulatur am Unterschenkel eingeführt. 90 Minuten lang übermittelte diese Sonde anschliessend vor und nach der Belastung (30 Minuten laufen auf dem Laufband) den im Muskel herrschenden Druck. Anhand einer solchen Messung kann die Diagnose "Logensyndrom" zuverlässig gestellt (respektive ausgeschlossen) werden. Werte bis 10 mmHg gelten als normal, bei einem Druck ab etwa 40 mmHg spricht man von einem Logensyndrom. Meine Werte lagen vor der Belastung bei 8 mmHg, und danach bei rund 40 mmHg. Erschwerend kam hinzu, dass während der 45-minütigen Messung nach der Belastung der Druck in meinen Muskeln unverändert auf diesem hohen Niveau blieb, anstatt sich langsam wieder gegen den Normaldruck von 8 mmHg zu senken. Aufgrund dieser Messung konnte die Diagnose Logensyndrom bestätigt werden.

Operation

Als Behandlungsmöglichkeiten stehen zwei Möglichkeiten zur Verfügung. Die einfache und harmlose Variante ist die Physiotherapie, welche jedoch bei mir wie bei den meisten anderen Betroffenen das Problem nicht beheben konnte. Die zweite Möglichkeit ist eine sogenannte "Faszienspaltung" (oder "Fasciotomie"), eine Operation, bei welcher die Muskelhaut, die sogenannten "Muskelfaszien", gespalten werden. Konkret wird in der "Aussenhaut" auf mittlerer Höhe zwischen Knie und Fuss ein etwa 3 cm kurzer Schnitt gemacht. Von dort aus wird (mit Hilfe einer eingeführten Mini-Kamera) die eigentliche Operation ausgeführt: Die Faszien (d.h. die Haut, welche die Muskeln umgibt), werden vom Knie bis zum Fussknöchel aufgeschlitzt, um den betroffenen Muskeln den notwendigen Platz zu verschaffen. Im Gegensatz zu früher (vgl. mittlere Abbildung unten) muss die Aussenhaut nicht mehr auf der ganzen Länge aufgeschnitten werden, so dass nach der Operation bald nichts mehr vom Schnitt zu sehen ist.

Der Patient kann auf Wunsch die Operation am Bildschirm live mitverfolgen. Zu sehen ist dann insbesondere, dass sich der zuvor eingeengte Muskel wie ein Ballon ausdehnt, sobald die Muskelhaut ganz durchgeschnitten ist.

Vor, während und nach der Operation:
Blutbahnen und Nerven werden durch die Muskeln zusammengedrückt Mittels eines Schnitts vom Knie bis zum Fussknöchel wird dem Muskel mehr Platz verschafft Die Muskeln haben nun mehr Platz, um sich auszudehnen, und stören deshalb die Blutbahnen und die Nerven nicht mehr
[Abb. aus Schumpelick/Bleese/Mommsen: Chirurgie, Enke-Verlag, 1993]
[Bitte für grössere Ansicht Bilder anklicken]

Die Erfolgs-Aussichten dieser Operation sind sehr gut: In den Fällen, in welchen das operierte Bein anschliessend nicht allzu stark geschont wurde (z.B. durch Verwendung von Krücken), waren die Probleme des erhöhten Druckes in der Muskulatur für immer verschwunden.

Das Team um Dr. Gösele in der Crossklinik am Merian Iselin Spital in Basel ist meines Wissens das einzige in der Schweiz (und eines der wenigen in ganz Europa), welches diese Operation "routinemässig" durchführt. Pro Woche wird in Basel 1-2 Mal eine Faszienspaltung vorgenommen. Eine Operation wäre zwar auch in Zürich möglich, allerdings haben die Ärzte dort offenbar etwas weniger Erfahrung mit dieser Operation, so dass ich mich für die "ausserkantonale" Variante entschied. Bei mir wurde diese Operation Ende September 2002 im Merian Iselin Spital in Basel durchgeführt.

Anschliessend an die Operation soll das Bein stark belastet werden, damit sich die Muskeln auch tatsächlich den notwendigen Platz nehmen, und die Muskelhaut nicht einfach wieder gleich eng wie zuvor zusammenwächst. Etwa zwei Tage nach der Operation kann das Bein beim Gehen wieder einigermassen normal belastet werden. Mit den ersten vorsichtigen Laufversuchen sollte man rund zwei Wochen warten. Wie in meinem Fall können bei zu früher Belastung Blutergüsse auftreten, welche die Gefahr für Verklebungen im operierten Muskelbereich erhöhen. Der Grat zwischen Unterforderung und Überforderung der Muskulatur nach der Operation ist recht schmal. In meinem Fall nahmen die muskulären Probleme nach der Operation jedoch mehr oder weniger kontinuierlich ab. Nach etwa sechs Wochen hatten sich dann die Zehenmuskeln vom früheren Platzmangel so stark erholt, dass ich wieder ein "richtiges" Training aufnehmen konnte, ohne dauernd Verkrampfungen befürchten zu müssen.

Häufigkeit und Ursache des Logensyndroms

Gemäss neuen Untersuchungen ist bei Läufern mit Muskelproblemen in jedem 12. Fall ein Logensyndrom der Auslöser. Nur selten wird das Logensyndrom jedoch als solches erkannt. Meist geht der Sportler respektive sein Arzt davon aus, dass es sich um "normale" Muskelkrämpfe handelt, die mit einer Magnesiumkur behandelt werden können. Als Hauptursache des Logensyndroms gilt eine rasche deutliche Steigerung des Trainingsumfangs. Die Muskeln wachsen durch das Training schneller an als sich die Faszien (also die Muskelhaut) ausdehnen können, so dass die oben geschilderten Probleme auftreten. Die überwiegende Mehrheit der betroffenen Athleten sind junge Läufer, welche ihr Trainingspensum innerhalb kürzester Zeit auf ein Mehrfaches steigern. Wie in meinem Fall kann aber auch eine leichte Steigerung die selben Folgen haben; nämlich dann, wenn man sich bereits zuvor nahe an der Grenze zur Überlastung einer Muskelgruppe bewegt (üblicherweise ohne dies selbst zu merken).

Bei Logensyndromen ist zu unterscheiden zwischen dem chronischen funktionellen Logensyndrom (engl. Chronic Exertional Compartment Syndrome, CECS) und dem akuten Logensyndrom. Während das akute Logensyndrom durch Druck von aussen (z.B. unfallbedingt) verursacht wird, rührt das chronische funktionelle Logensyndrom von einer andauernden Überlastung her. Alle Angaben auf dieser Website beziehen sich ausschliesslich auf das chronische funktionelle Logensyndrom.

Referenzen

Ich möchte klarstellen, dass ich kein Doktor der Medizin bin. Für weiter gehende Auskünfte verweise ich auf die unten stehenden auf dem Internet zu findenden Referenzen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Bei Verdacht auf ein Logensyndrom empfehle ich, einen "Ausdauersport-interessierten" Arzt (braucht kein Sportarzt zu sein) aufzusuchen - am besten ausgerüstet mit einem Papier-Ausdruck der aufgelisteten Artikel. Ergänzungen zu diesen Literaturangaben nehme ich gerne per E-Mail entgegen.

   - P. Edwards and M.S. Myerson (1996): Exertional Compartment Syndrome of the Leg: Steps for Expedient Return to Activity. The Physician and Sportsmedicine, 24(4), 31-46.
   - M.R. Hutchinson, S. Cahoon and T. Atkins (1998): Chronic Leg Pain: Putting the Diagnostic Pieces Together. The Physician and Sportsmedicine, 26(7), 37-46.
   - M.R. Hutchinson and M.L. Ireland (1999): Chronic Exertional Compartment Syndrome: Gauging Pressure. The Physician and Sportsmedicine, 27(5), 101-102.
   - J. Jerosch (2001): Das funktionelle Kompartment-Syndrom im Sport. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 52(4), 142-143.
   - J. Jerosch: Funktionelles Kompartmentsyndrom. Sportmedizin-Kompendium.
   - M. Korkola and A. Amendola (2001): Exercise-Induced Leg Pain: Sifting Through a Broad Differential. The Physician and Sportsmedicine, 29(6), 35-50.
   - D.C. Krupp (1998): Chronic Exertional Compartment Syndrome. Medical homepage.
   - S.M. Pribut (2001): Shin Splints: A Simplified Clinical Classification [insb. Abschnitt über Anterior Compartment Syndrome]. Medical homepage.
   - A. Tischer (1996): Messung des Gewebedruckes in den Muskellogen (Kompartments) der Extremitäten des Hundes. Dissertation, Freie Universität Berlin. Enthält auch allgemeine Informationen zum Logensyndrom.
   - W. Waitz (2003): Kompartmentsyndrom. Homepage der Techniker Krankenkasse.

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Site Meter Letzte Änderung: 25. Juni 2006.